Lachen (Número Uno)
Es gab Sonne, trübe Pfützen auf sandiger Straße (weil die Straßen damals noch nicht allesamt geteert waren), schmutzige Kinderbikinis, weil der Sand der Straße, in der sie wohnte diese Pfützen hatte, nicht geteert war. Es gab ein großes Fenster oben, dort befand sich die Stube. An dem Fenster saß der Vater und hatte ein Auge auf sie. Gegenüber war ein kleiner wilder Rasen, der zu dem Haus der alten Frau gehörte, welche neben dem Telefon immer die alten Eukalyptusbonbons hatte, die sie immer stahlen. Die alte Frau wusste das. Es war ein Ritual. Auf dem Rasen lagen die beiden manchmal im Sommer auf einer Decke und aßen Lakritz. Auch dann saß der Vater am Fenster. Und freute sich.
Und sie lachten. Und der Vater lachte. Und die alte Frau lachte, weil sie auf dem Rasen lagen und lachten und Lakritz aßen.
Und wie sie alle dort waren, waren aller Kummer und alles andere vergessen, weil alle so sehr lachten, weil der Moment so in Lachen zerfloss.
Renata hat viel gelacht. Die Tage, an denen sie nicht lachte, waren die, an die sie sich nicht erinnern konnte oder mochte. Und zu lachen war immer ein Zeichen des Friedens, der Hoffnung, vielleicht sogar der Angst.
Die Mutter hatte Geburtstag und sie pflückte mit ihrer Schwester die großen Gräser von einer entfernten Wiese, weil es so schön aussah, wenn sie diesen großen Strauß betrachtete. Und Renata und ihre Schwester liefen mit den Grassträußen nach Hause, ganz aufgeregt vor Freude und gaben sie der Mutter zum Geburtstag. Und die Mutter freute sich.
Es gab eine Nacht, in der der Schnee einmal so lange fiel, dass die Haustür zur Hälfte eingeschneit war. Ein Weihnachten, an dem es Stoffäffchen gab und tags darauf Spiegeleier auf dem Containerschiff, auf dem der Vater arbeitete. Es gab auch manchmal Tränen, wenn der Vater wieder fort musste, fort auf das Schiff. Das war das letzte Mal, dass man um den Vater weinte. Damals.
Manchmal, wenn der Vater lange fort mit dem Schiff war, gab es gekochtes Tomatenmark mit Wasser und hartem Brot, weil der Vater vergaß, der Mutter das Geld zu schicken. Manchmal war die Mutter fort und zum Frühstück gab es Kuchen und Buttercroissants, die die Mutter in der Nacht zuvor mit der Reisetasche von der Großmutter holte, damit sie vor der Schule etwas essen konnten.
Es gab den Onkel mit der duftenden Tabakpfeife, der Brause und der Schokolade, als der Vater plötzlich oft daheim war. Sie durften auf dem Schoß des Onkels sitzen und er erzählte ihnen, was sie für tolle Mädchen seien. Und sie lachten. Und die Sehnsucht, dass der Vater das auch einmal sagen würde, diese Sehnsucht wurde immer größer.
Dazwischen gab es noch vieles anderes. Aber das erzählt sich im Kreuz und Quer, weil das Leben diese Verbindungen so gewoben hat, und es nicht gewillt ist, es in Ordnung zu bringen.
…
Die Flaschen und die Arbeitstasche
Renata war irgendwann in einem Krankenhaus. Sie war dort lange Zeit und konnte sich nicht mehr daran erinnern. Sie wusste es nur, weil ihre Füße knitterig waren und sie sie deshalb immer betrachtete. Die Mutter erzählte ihr, dass der Strom ausgefallen sei und sie damals heißes Wasser von den Nachbarn holen musste. Sie habe den großen Topf vom Herd gerissen und dann war es passiert. Renata konnte sich noch daran erinnern. Das letzte war, dass sie vor dem Herd stand und den Topf ansah. Die Mutter war zu dieser Zeit in der Stube und der Staubsauger machte ohrenbetäubenden Lärm. Aber Renata wusste nicht, ob sie es geträumt hatte oder ob es wirklich so war. Also dachte sie nicht mehr daran.
Zu dieser Zeit war der Vater mit dem Schiff fort. Und Renata wusste nichts mehr, sie sah nur ihre Füße, sie waren verbrüht.
Sie war einfach plötzlich wieder Zuhause – als sei eine Zeitunterbrechung geschehen, die flugs wieder einsetzte - und packte für den Vater die Arbeitstasche, weil er wieder mit dem Schiff fort musste. Und sie wollte auch aufräumen, alles auf einmal, der Kopf war ganz durcheinander. Als der Vater sich auf dem Weg machte, winkte sie ihm aus dem Küchenfenster und die alte Frau von gegenüber rief ihm etwas zu. Er sah auf seine Tasche und ein Strumpfhosenbein sah an der Seite hervor. Dann öffnete er sie und holte eine Kaffeetasse heraus. Die alte Frau und der Vater lachten, Renata schämte sich und lächelte. Alles, was vor der Tasche mit der Strumpfhose war, war weg. Aber das war für diesen Moment nicht wichtig, auch die Füße nicht, weil es schnell vergessen war.
Eines Tages verlor der Vater seine Arbeit. Es flossen keine traurigen Tränen mehr, weil der Vater nicht mehr mit dem Schiff fort war. Er trank viel und oft, er lief die Stube immer auf und ab. Er schimpfte viel, er schrie mit der Mutter. Die Nächte wurden länger, das ging eine Zeit lang so. Darauf wurden sie wieder kürzer, weil der Vater wieder Ordnung schaffen wollte.
Alles wurde anders. Es kamen viele fremde neue Menschen zu Besuch, die auch laut waren und mit dem Vater tranken. Sie hörten dazu laute Musik, tranken aus den vielen Flaschen. Die Mutter war eine Zeit lang nicht daheim, sie lag im Krankenhaus. Es kamen immer öfter fremde neue Freunde, die der Vater spätabends mit nach Hause brachte. Oft blieben sie über Nacht, tranken, hörten laute Musik, redeten, stritten. Renata lag im Bett und hörte die Stimmen. Sie hatte Angst, das jemand ins Schlafzimmer kommen könnte und versuchte immer für eine Weile die Luft anzuhalten, damit sie hören konnte, ob vielleicht jemand käme. Irgendwann schlief sie dann ein, angespannt, erschöpft und schließlich loslassend weggleitend.
Am Morgen, als sie aus dem Bett kroch und auf leisen Füßen durch die Küche zur Stube schlich, roch es überall nach Zigaretten und dem Zeug, dass in den Flaschen war, welches der Vater immer trank. Eines davon sah aus wie Wasser. In der Stube lag der Vater noch angezogen auf dem Sofa und schlief, das Fernsehbild zeigte Schnee mit Ameisen und überall standen Flaschen. Die Flasche mit dem Wasser, war noch nicht ganz leer. Sie nahm sich eines der kleinen Gläser und kippte ein wenig hinein.
Der Geschmack war so abscheulich, dass ihr der Mund brannte und sie das Gesicht verzog… dann sah sie vorsichtig zum Vater. Er schlief noch. Ausatmen. Es war kein Wasser. Im Badezimmer hielt sie den Mund unter den Wasserhahn, damit das Brennen und der Geschmack hinausgespült werden konnten. Der Himmel draußen war grau. Es war still in der Wohnung, nur das Ein- und Ausatmen des schlafenden Vaters war zu hören. Niemand sonst war da. Renata setzte sich in die Küche und sah aus dem Fenster auf die sandige Straße mit den Pfützen, die ausgetrocknet waren. Wo waren eigentlich die anderen?
Die Wiesen (Dos et un poco)
~ Während Renata aus dem Fenster auf den sandigen Weg sieht – gedankenverloren – knie ich leise vor dem Stuhl, auf dem sie sitzt, vor ihr nieder und sehe vom Boden aus in ihr Gesicht. Sie sieht immer noch aus dem Fenster, über mich hinweg, auf die sandige Straße, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ich bin nicht wirklich physisch anwesend, vielmehr meine Gedanken, die dort vor ihr knien und sie in diesem Augenblick betrachten. Als könne ich so irgendetwas in ihrem Gesicht erkennen, was ich sehen müsste. Ihre Haut ist etwas blass, ihre Augen leicht glasig und still. Ihr Haar liegt goldverworren und wirr um ihren Kopf und in ihrem Gesicht. Ich kann nicht mehr erkennen. Es ist gut, durchfährt es mich plötzlich. Es ist gut, dass sie dort so sitzt, so still. Es ist gut, dass sie dort so still sitzt und sich nicht zerreißt. Vielleicht ist es ihre innere Stille, die sie über den Wassern hält, sie noch weiterhin darüber halten kann. Und das Lachen – natürlich – das Lachen. Vielleicht wartet sie nun einfach ruhig darauf, dass die anderen kämen. Nach Hause. Ich würde sie jetzt gerne an die Hand nehmen und zu der Wiese gehen, wo sie die großen dicken Gräser mit ihrer Schwester für die Mutter pflückte. Die Gräser der Wiese sind so dick und hoch, dass sie sich dort verstecken kann, in ihr liegen und in den Himmel sehen.
Renata krabbelte mit ihrer Schwester kleine Wege in die Wiesenfläche, dann einen großen Kreis. Der Kreis war ihr Haus, dort wohnten sie für diese Nachmittage und für den nächsten und vielleicht für den übernächsten. Im Sommer darauf würden sie dann ein neues Haus und neue Wege ins Gras hineinkrabbeln.
Sie krochen weiter, neue Wege, ein neuer Kreis. Nun hatten beide ein Haus. Aber keiner der beiden wollte lange allein in ihrem Kreis sein, weil es zu zweit viel schöner war. So wechselten sie gemeinsam einfach öfter die Häuser, damit sie dort zusammen sein konnten. Es roch nach Heu, es kribbelte und piekste, ein leichter Wind fuhr rauschend durch die schwingenden Gräser. Rascheln, rauschen.
Ich setze mich in eines ihrer Häuser und denke daran, was mit der Wiese wohl passiert ist, ob sie schon in Vergessenheit geraten sein mag. Und es wurde ganz still, als ich auch das Gras roch. ~
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen