Dienstag, 28. September 2010

Das traurige Haus

Das traurige Haus


Das traurige Haus steht an einer Straße in einem kleinen verwehten Ort. Dort gibt es nur Getöse, wenn die Kinder von den Schulen gegenüber zur Schule, in die Pause und nach Hause gehen. In dem Haus wohnt ein Mädchen. Sie geht ab und an durch den kleinen Ort, der höchstens die Größe eines Dorfes erreicht. Dort kauft sie ein. Dann geht sie wieder nach Hause. Nach Hause in das traurige Haus.

An das traurige Haus ist ein kleines angebautes Haus gen Hinterhof angeschlossen. Dort wohnt ein egozentrischer Mann. Der Mann hat viel mit sich selbst zu tun. So sehr, dass sich an seiner Haustür, den Dachrinnen und dem Pflaster davor grüne Ablagerungen abgesetzt haben.

Das Mädchen kommt mit zwei großen Einkaufstüten nach Hause. Sie stellt sie vor die Haustür des traurigen Hauses. Mit sehnsüchtigen Schritten schreitet sie zur Tür des egozentrischen Mannes. Sie weiß nicht wirklich, dass der Mann egozentrisch ist, weil ich das nur behaupte, während ich im Auto sitze und sie beobachte wie sie dort steht. Sie klingelt. Niemand öffnet. Dann schaut sie traurig zu dem Fenster unter dem Giebel. Nichts regt sich. Sie klingelt noch einmal. Wartet. Stille.

Gesenkten Blickes schreitet sie wieder zu den Einkaufstüten, die sie vor ihrer Tür abgestellt hat. Ich senke auch den Blick, ich will uns beide nicht in die Verlegenheit bringen, einander ansehen und in irgendeiner Weise reagieren zu müssen. Als ich wieder aufsehe, sind die Tüten und das Mädchen in dem traurigen Haus verschwunden.

Es ist besonders bitterlich - so denke ich – wenn der Frühling noch nicht die Ablösung vom Winter vollzogen hat, sondern noch in gewisser Weise feststeckt. Genau dann wartet alles gespannt, aber es scheint einfach noch nicht so weit zu sein. Das Grau regiert noch. In solch einem Moment ist es besonders kalt, wenn man vor einer verschlossenen Tür steht, hinter der man sich erhofft, sie sei gefüllt von Wärme und werde sich jeden Augenblick öffnen. Doch dergleichen geschieht nichts. Dann wird es noch kälter. Es ist nicht der Körper, sondern das Herz des Mädchens, welches jetzt fröstelt. Sie sitzt bereits in der Küche, im Obergeschoss des traurigen Hauses. Die Tüten stehen auf dem Tisch, ein paar Dinge davon hat sie ausgeräumt. Dann verweilt sie auf dem Stuhl und sieht auf die Mauer des gegenüberliegenden Hauses. Der Wind durchdringt das geschlossene Fenster mit unerträglicher Stille und zu allem Überfluss befinden sich am Himmel grauenvoll düstere Wolken, die das Tageslicht in ein noch graueres einhüllen, als es um diese Zeit schon ist. Dann streckt das Mädchen die Hände vor sich aus und schaut auf ihre Handinnenflächen. An dieser Stelle verfällt sie in Gedanken. Sie ist traurig. Traurig wie das ganze Haus. Ist sie traurig, weil der egozentrische Mann nicht öffnet? Der Mann war sicherlich nicht da, später wird sie es vielleicht wieder versuchen.

Aber ist man so traurig, wenn ein Mann einmal nicht da ist? Oder weiß sie, dass der Mann da ist, nur er will ihrer Sehnsucht nicht Einlass gebieten. Ihrer Person. Ihres ganzen Wesens. Sie wird es wohl wissen. Wie sonst könnte sie so traurig sein?

Aber sie kann sich nicht von ihrer Sehnsucht lösen, auch das traurige Haus wird sie nicht davon erlösen können. Sie wird dennoch warten. Warten auf den Einlass des egozentrischen Mannes. Ihre Handinnenflächen sind rot, ein wenig wund vom Tragen der Tüten.

Vielleicht wird das Mädchen gleich die Hände wenden und ihre Nägel betrachten. Dann überlegt sie sich, dass sie sie schneiden müsse. Das heitert sie eine Spur auf. Sie könnte es tun, damit sie wieder schön aussehen. Dann würde sie einen Augenblick nicht an den egozentrischen Mann denken, nicht an ihre Sehnsucht und diesen dumpfen Schmerz. Sie bewahrt Ruhe, und mit dem Gedanken, dass sie sich gleich die Fingernägel schneiden wird, räumt sie langsam die Dinge aus den Tüten in die Schränke ihrer Küche ein. Ich bin derweil lange hinfort mit dem Auto gefahren. Vielleicht gibt es den egozentrischen Mann nicht, vielleicht schneidet sich das Mädchen auch gar nicht die Fingernägel. Aber ich habe sie stehen sehen, die beiden Tüten vor dem traurigen Haus und das Mädchen vor der grün angelaufenen Türe mit dem leeren Fenster unter dem Giebel. Und es hat niemand geöffnet.


02.03.2004

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